Thank you for your support for this blog

Stoxx 50 15min delayed

Menü:. Wirtschaftsdaten - Wirtschaft - Quergelesen Nachrichten aus:

Der aktuelle Nachrichten - Überblick:

Global - 4wards

Wirtschaft - Quergelesen

Europa - Wirtschaft

Deutschland - Wirtschaft

Österreich - Wirtschaft

Schweiz - Wirtschaft

ATX realtime

Shadow Stats

Chart of U.S. Money Supply Growth

Dienstag, 28. Juli 2009

Paul Krugman - Krisenchronist

Vor zehn Jahren warnte Paul Krugman in seinem Buch "The Return of Depression Economics" vor den Problemen, die zur heutigen Krise führten.

Interview mit Paul Krugman am Credit Suisse Salon in London vom 5. Juni 2009

Daniel Huber: Es gibt in dieser Krise nur wenige Gewinner. Sie scheinen aber einer davon zu sein. Denn die Tatsache, dass Sie bereits vor zehn Jahren die jüngsten wirtschaftlichen Entwicklungen vorhergesehen haben, dürfte Ihnen den Wirtschaftsnobelpreis eingebracht haben.
Paul Krugman: Nun gut, ich denke, ich bin philanthropisch genug veranlagt, um mir zu wünschen, die Dinge hätten einen anderen Lauf genommen.

Würden Sie sich eher als Pessimist oder Realist bezeichnen?
Meiner Meinung nach läuft zurzeit beides auf das Gleiche hinaus. Aber im Laufe meiner Karriere bin ich wohl allmählich eine Art Krisenchronist geworden, da mich Krisen schon immer interessiert haben. Auch die aktuelle Situation betrachte ich unter diesem Gesichtspunkt, das heisst, ein potenzielles Problem ist für mich interessanter als eine Wendung zum Positiven. Ich halte mich für einen Realisten, der in seinen Analysen zu einem gewissen Pessimismus neigt.

Warum hat niemand auf Sie gehört, als Sie vor zehn Jahren in Ihrem Buch vor einer sich abzeichnenden Weltwirtschaftskrise warnten?
Zunächst einmal hat die Immobilienblase dazu beigetragen, dass die Dinge eine Zeit lang gut aussahen. Aus den verschiedensten Gründen ist diese Blase kaum hinterfragt worden. Dies lag zum einen an der verbreiteten Ansicht, dass der Markt immer Recht hat, und zum anderen an der fehlenden Bereitschaft, das vermeintliche Erfolgsmodell in Frage zu stellen. Wenn Menschen viel Geld verdienen, ist es nicht gerade populär, ihnen zu sagen, dass sie sich auf gefährlichem Terrain bewegen. Kommt dazu, dass, wenn wir wie Ende der 1990er-Jahre eine Krise ausgestanden haben, wir uns lieber selbst auf die Schulter klopfen und uns einreden, dass wir dies unserer eigenen Weisheit und Voraussicht zu verdanken haben. Im Stillen sagen wir uns aber: Mein Gott, das war ganz schön knapp.

Wo orten Sie rückblickend das Hauptproblem für die aktuelle Wirtschaftskrise?
Für mich ist das ganz klar die kontinuierlich wachsende Verschuldung, insbesondere in den Vereinigten Staaten. Diese Tendenz hat aber schon vor ungefähr 25 Jahren begonnen. Den Indikator, den ich am häufigsten verwende, ist die Verschuldungsquote der privaten Haushalte. Diese Verschuldung war eine Generation lang bis Anfang der 1980er-Jahre stabil und stieg danach unaufhörlich an, bis sie unmittelbar vor Ausbruch der Krise 100 Prozent des BIP erreicht hatte. Diese bedenkliche Entwicklung wurde aber von vielen sogar noch begrüsst, da man darin eine Bestätigung für das Funktionieren der Märkte sah. Rückblickend muss man jedoch sagen, dass sich viele schlichtweg übernommen haben. Es lohnt sich jedenfalls, gewisse Auswüchse der letzten Jahre nochmals ins Gedächtnis zu rufen: die hemmungslose Kreditvergabe, die Exzesse in Osteuropa und ähnliche Entwicklungen, die jetzt so gnadenlos auf uns zurückfallen.


Haben wir den Tiefpunkt der Krise überstanden?

Kurzfristige wirtschaftliche Prognosen sind wie ein Blick in die Kristallkugel. Aber immerhin hat sich inzwischen das Tempo des Abschwungs verlangsamt, und das Schlimmste der Krise ist überstanden. Wenn Sie morgens Ihren Computer einschalten, müssen Sie sich nicht mehr jeden Tag auf neue Horrormeldungen gefasst machen. Es gibt zwar immer noch negative Überraschungen, aber auch immer mal wieder positive. Insgesamt scheint sich die Lage zwar zu verschlechtern, aber nicht mehr im gleichen Tempo wie zuvor. Das ist ein wichtiger Fortschritt. Von einer Erholung kann allerdings noch nicht die Rede sein. Bis es so weit ist, liegt noch ein weiter Weg vor uns. Der Sturz in den Abgrund mag fürs Erste gestoppt sein. Das heisst aber nicht, dass die Rückkehr zur Normalität unmittelbar bevorsteht. Man kann die aktuelle wirtschaftliche Situation mit der eines Patienten vergleichen, der sich in kritischem Zustand befand, auf die Intensivstation gebracht und gerade noch gerettet wurde. Zwar ist es gelungen, eine zweite Grosse Depression abzuwenden, aber der Patient kann noch nicht entlassen werden. Im Gegenteil: Er ist noch immer schwer krank, und es ist überhaupt nicht abzusehen, wann er genesen wird.

Gibt es Beispiele aus der Vergangenheit, die uns den Weg aus der aktuellen Krise vorzeichnen könnten?

Die Antwort ist ziemlich deprimierend. Es gibt keine historischen Vorbilder für eine Erholung nach einem derartigen Abschwung. Das einzig brauchbare Beispiel ist Japan: Das Land erlebte zuerst ein verlorenes Jahrzehnt wirtschaftlicher Stagnation und im Anschluss daran ab 2003 eine ziemlich eindrucksvolle, von einem gewaltigen Exportboom getragene Erholung. Diese Erholung wurde allerdings fast ausschliesslich vom wachsenden Handelsüberschuss getragen, dank der Exporte nach China und in die USA. Die aktuelle Krise hat jedoch die ganze Welt erfasst. Wenn wir also keinen anderen Planeten finden, der unseren globalen Handelsüberschuss auffängt, bleibt uns dieser Ausweg verschlossen. Ein noch weiter zurückliegendes historisches Vorbild war die Grosse Depression, die durch ein massives öffentliches Arbeitsbeschaffungsprogramm beendet wurde: den Zweiten Weltkrieg. Hierzu sind zwei Anmerkungen angebracht: Erstens lässt sich ein vergleichbar grosses Programm derzeit nicht durchführen, es sei denn im Rahmen eines weiteren militärischen Grosskonflikts. Zweitens befanden sich die Staaten bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in relativ guter wirtschaftlicher Verfassung, was ihr Schuldenniveau betraf. Daher hatten sie mehr Spielraum für eine expansive Wirtschaftspolitik.

Und warum fiel die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder zurück in die Depression?

Meine Theorie ist, dass sich die Bilanzen massiv erholt haben, weil während des Krieges keine neuen Kredite aufgenommen werden konnten und weil die Verschuldung aufgrund von Wachstums- und Inflationseffekten im Vergleich zum Einkommen deutlich zurückging. Die Folge davon war, dass Privatpersonen und Unternehmen kaum verschuldet waren. Dies wiederum führte zu einer sehr starken Wirtschaft, nachdem die Kriegsausgaben weggefallen waren. Aber wenn das die Moral der Geschichte ist, müssen wir uns fragen: Können wir uns derzeit eine Fiskalpolitik vorstellen, die nachhaltig genug ist, um eine derartige Erholung der Privatwirtschaft zu ermöglichen? Denn wir müssen uns vor Augen halten, dass die Staaten bei Ausbruch der Krise gemessen an ihrem BIP relativ stark verschuldet waren.

Wie gut steht eigentlich Europa im Vergleich zu den USA da?

Obwohl der Schwerpunkt der Krise zunächst in Amerika lag, ist die europäische Rezession nicht weniger heftig. Daher ist es schwierig vorherzusehen, wo die Erholung zuerst eintreten wird. Trotzdem müssen wir Folgendes beachten: Obwohl der Rückgang des BIP auf beiden Seiten des Atlantiks ähnlich stark ausgefallen ist, sind die Menschen in den USA ungleich schwerer betroffen. Das liegt vor allem an dem schwächeren sozialen Netz und dem fehlenden Arbeitnehmerschutz. Zwar wird immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig ein flexibler Arbeitsmarkt ist, aber wenn eine Krise dieser Dimension eintritt, ist eine gewisse Rigidität des Arbeitsmarkts eher von Vorteil. Aus all diesen Gründen leiden die Amerikaner noch stärker unter dieser Krise als die Europäer. Anderseits bin ich überzeugt, dass unter den grossen europäischen Volkswirtschaften Grossbritannien zuerst die Rezession überwinden wird. Da das Land nicht der Eurozone angehört, konnte es seine Währung sehr viel stärker abwerten, was im kommenden Jahr seine Wirtschaft beflügeln wird.

Welche Rolle nimmt China in dieser Krise ein? Könnte es mit seinem gigantischen Potenzial nicht als eine Art Zugpferd dazu beitragen, das Ausmass der Krise einzudämmen?

China ist die Volkswirtschaft der Zukunft. Doch hat man das nicht auch schon von Brasilien gesagt? Mittlerweile sagt man: Brasilien ist das Land der Zukunft und wird das auch immer bleiben. Aber bei China ist das anders: Dieses Land ist kein ewiges Land der Zukunft, sondern wird irgendwann tatsächlich die grösste Volkswirtschaft der Welt sein. Wenn wir die Schätzungen der Kaufkraftparitäten zugrunde legen, ist sie bereits halb so gross wie die Volkswirtschaft der USA oder vielleicht sogar noch grösser. Der Marktwert des chinesischen Bruttoinlandsproduktes ist jedoch deutlich geringer. Selbst bei einem starken Anstieg des chinesischen Wirtschaftswachstums, der sicherlich positive Folgen hätte, wäre China bei Weitem nicht in der Lage, zum Zugpferd der Weltwirtschaft aufzusteigen. In 20 Jahren mag dies der Fall sein, aber im Moment noch nicht.

Der Stadtrat meines Wohnortes wird zur Förderung des Konsums nächstens Kaufgutscheine im Wert von 50 Franken pro Bewohner abgeben. Halten Sie dies für eine sinnvolle Massnahme zur Bekämpfung der Krise?

Dieses Rezept haben auch die Japaner versucht. Das Problem ist zunächst einmal, dass solche Mittel – zumindest in der Praxis – nicht zweckgebunden sind. Wenn Sie jemandem einen Konsumgutschein über 500 Dollar geben, egal für welche Produkte, kann er seine Ausgaben so umverteilen, dass er über ein zusätzliches Einkommen von 500 Dollar verfügt, mit dem er machen kann, was er will. Sofern es sich dabei nicht um ein permanentes Programm handelt, würden die Begünstigten wahrscheinlich den grössten Teil dieser Zusatzeinkünfte zurücklegen. Obwohl sie den Gutschein einlösen müssten, würden sie dafür an anderer Stelle sparen. Auf diese Weise erhöht sich die Staatsverschuldung, es sei denn, man wirft wirklich Bargeld unter das Volk, aber das Problem wird dadurch auch nicht gelöst. Viel besser wäre aus meiner Sicht, das Geld einfach auszugeben, zum Beispiel für den Bau von Brücken oder für sonstige Infrastrukturprojekte. Dies ist jedoch ein langer Prozess, der ebenfalls zu einem Anstieg der Verschuldung führt.

Viele Menschen haben Angst, dass die US-Notenbank Fed Unmengen an Geld gedruckt hat und wir dadurch früher oder später in eine massive Hyperinflation schlittern werden.

Die Geldmenge in den USA hat leicht zugenommen, wobei wir ihre Verteilung nicht genau bestimmen können. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass das Halten von Geld bei einem Zinssatz von null Prozent nichts kostet und dass nach wie vor die Angst besteht, dass die Banken trotz aller Beteuerungen nicht hundertprozentig sicher sind. In den 1990er-Jahren waren in Japan Tresore die einzigen Verkaufsschlager unter den Gebrauchsgütern. Es ist jedoch meistens so, dass Banken riesige Reserven bei der Fed anhäufen, für die sie Zinsen erhalten. Das ist etwas anderes, als Geld zu drucken. Es ist vielmehr so, dass die Fed zur Staatsbank der USA avanciert. Die Banken sind zurückhaltend bei der Vergabe von Krediten. Stattdessen legen sie ihr Geld lieber in staatlichen Schuldverschreibungen oder bei der Fed an. Danach tritt die Fed in Erscheinung und kauft besicherte Wertpapiere. Auf diese Weise übernimmt die Fed einen Grossteil der Aufgaben der Finanzvermittler. Fakt ist: Zurzeit haben wir sicher keine echte Inflation und meiner Meinung nach wird es auch in nächster Zukunft keine geben.

Doch wann und vor allem wie können wir den Aufschwung herbeiführen?

Schlimmstenfalls steht uns ein Jahrzehnt wirtschaftlicher Stagnation bevor. Deutlich besser wäre es, wenn jemand eine bahnbrechende neue Technologie erfinden würde, die eine Menge an Investitionen erfordert und so für eine globale Erholung sorgt. Wenn Ihnen diesbezüglich etwas bekannt wird, lassen Sie es mich bitte wissen. Ich möchte an dieser Stelle die optimistische und vielleicht etwas verrückte Hypothese aufstellen, dass die Umweltpolitik für eine Erholung sorgen wird. Wenn wir wirklich etwas gegen den Klimawandel unternehmen – und die USA scheinen inzwischen tatsächlich dazu bereit zu sein –, ist dies ein Signal für Unternehmen, in die Reduzierung ihrer CO2-Emissionen zu investieren, wovon wiederum die Gesamtwirtschaft profitieren könnte. Jedoch kann ich dies nicht mit Zahlen untermauern, weshalb ich mich hier nicht zu weit aus dem Fenster lehnen möchte.

Lassen Sie uns noch etwas von Leadership sprechen. Welche Eigenschaften sollte eine Führungspersönlichkeit mitbringen?

Eine Führungspersönlichkeit muss ein bestimmtes Ziel verfolgen. Dann braucht sie auch eine grosse Portion Flexibilität. Meines Erachtens ist es wichtig, dass Führungspersönlichkeiten fähig und willens sind, erfolgreich mit starken Persönlichkeiten zusammenzuarbeiten, anderen zuzuhören und sich nicht einschüchtern zu lassen. In politischer Hinsicht bin ich der Auffassung, dass die USA in den letzten acht Jahren schlecht geführt wurden, da Entscheidungsträger an der Macht waren, die keine gegensätzlichen Meinungen zu ihren vorgefertigten Standpunkten zuliessen. Dagegen halte ich die jetzige Führung für kompetenter, auch wenn sie zugegebenermassen noch nicht lange im Amt ist. Was man auch sonst von der Obama-Regierung halten mag: Trotz ihrer politischen Überzeugungen ist sie gegenüber Neuem aufgeschlossen und bereit, Alternativen zu prüfen. Der bedeutendste US-Präsident des 20. Jahrhunderts war für mich aber ganz klar Franklin D. Roosevelt. Er war sicher kein Intellektueller oder brillanter Kopf und hat sich auch nie als solcher verkauft. Seine Stärke lag vielmehr darin, dass er sich mit kompetenten Beratern umgab. Er blieb sich selbst und der Vision treu, die er für sein Land vorgesehen hatte – und genau darauf kommt es an.

Vermissen Sie nicht etwas die Bush-Administration? Schliesslich gab sie Ihnen regelmässig Anregungen für Ihre Kolumnen in der "New York Times".

Heute geht es in den meisten meiner Kolumnen um wirklich seriöse Themen. Manchmal kritisiere ich, manchmal lobe ich, und manchmal schlage ich Verbesserungen vor. Aber im Gegensatz zu den letzten Jahren, die durch Irrsinn geprägt waren, haben die Diskussionen wieder einen konstruktiven Charakter angenommen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

AMAZON